Erikson - Erläuterungen

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(Zum Ausdrucken: im RTF-Format, 2 Seiten)

Vom Grundvertrauen zur Identität

Entwicklung des Ichs über acht Phasen

1.      Grundvertrauen gegen Grundmisstrauen

Die Entwicklungsaufgabe dieses Stadiums ist die Ausbildung von Urvertrauen. Urvertrauen ist nach Erikson der Eckstein der gesunden Persönlichkeit. Mit Vertrauen bezeichnet er, was man im Allgemeinen als ein Gefühl des Sich-Verlassen-Dürfens kennt, und zwar in Bezug auf die Glaubwürdigkeit anderer wie die Zuverlässigkeit seiner selbst. Nach der Körperzone, mit der sich in dieser Entwicklungsphase der Wunsch nach physischer Befriedigung am stärksten verbindet, heißt diese Entwicklungsphase in der klassischen psychoanalytischen Tradition "orale Phase".

Die erste Reifungskrise der oralen Phase wird dadurch verursacht, dass der Säugling lernen muss, die enge Ver­bundenheit mit der Mutter aufzugeben, sich auf die Versorger aus der Umwelt zu verlassen, auch wenn sie nicht länger ständig präsent sind, sowie sich selber und der Fähigkeit der eigenen Organe, mit den Triebimpulsen fertig zu werden, zu vertrauen. Der damit verbundene Konflikt wird von Erikson als "Ur-Vertrauen gegen Ur-Misstrauen" charakterisiert. Die Grundtugend, die sich daraus entwickeln kann, ist Hoffnung.

2.      Autonomie gegen Scham und Zweifel

In der zweiten Reifungskrise (2-3 Jahre) geht es für das Kleinkind um die Bewältigung jener Gefahren, die mit seiner enormen Verselbständigung verbunden sind, z. B. mit der Ausbildung des kindlichen Muskelsystems und insbesondere der willkürlichen Kontrolle der Ausscheidungsorgane, was im wesentlichen mit der Koordinierung von Fähigkeiten wie "Festhalten" und "Loslassen" zu tun hat. Das insgesamt noch gänzlich abhängige Kind lernt - gerade auch hinsichtlich seiner eigenen Körperfunktion - seinen Willen als Instrument der Verhaltenssteuerung zu gebrauchen.

Aus einer Empfindung der Selbstbeherrschung ohne Verlust des Selbstgefühls entsteht ein dauerndes Gefühl von Selbständigkeit und Stolz.; aus einer Empfindung muskulären und analen Unvermögens, aus dem Verlust der Selbstkontrolle und dem übermäßigen Eingreifen der Eltern entsteht ein dauerndes Gefühl von Zweifel und Scham. Den damit sich einstellenden Grundkonflikt nennt Erikson "Autonomie gegen Scham und Zweifel"; die Fehlentwicklung des "analen Charakters" zeichnet sich durch hohe Zwanghaftigkeit aus: geizig, kleinlich in Bezug auf Liebe, Zeit, Geld. Die Grundtugend sieht Erikson in der Entwicklung eines Willens, der lernt, das zu wollen, was sein kann, und auf das zu verzichten, was nicht sein kann.

3.      Initiative gegen Schuldgefühl

In dieser Phase kreist die kindliche Entwicklung weitgehend um den Modus des Eindringens: das Eindringen des Kindes auf und in andere durch physischen Angriff, das Eindringen in die Ohren und das Bewusstsein anderer durch aggressives Reden, das Eindringen in den Raum durch kraftvolles Umherlaufen, das Eindringen in das Unbekannte durch eine unersättliche Wissbegier. Mit der Bewältigung des für die Entwicklungstheorie hochbedeutsamen ödipalen Konfliktes (des aussichtslosen Besitzenwollens des gegengeschlechtlichen Elterteils) kommt es zur Ausbildung der Geschlechtsrolle und des Gewissens. Das Kind identifiziert sich mit den Eltern, d.h. es spielt mit der Idee, wie es sein würde, wenn es Vater oder Mutter wäre. Den Grundkonflikt dieser Phase nennt Erikson "Initiative gegen Schuldgefühl", so dass das Kind Zielstrebigkeit als Grundtugend dieser Phase ausbildet.

4.      Werksinn gegen Minderwertigkeitsgefühl

Die vierte Reifungskrise (Schulalter) hängt damit zusammen, dass das Kind den Kreis seiner Bezugspersonen auf Schule und Wohngegend erweitert und danach strebt, sich die Anerkennung dieser neuen Kameraden bzw. Erwachsenen durch messbare Leistungen zu sichern. Das Kind entwickelt Unternehmungsfreude auch außerhalb des familialen Milieus und gewinnt bei gemeinsamen Aktivitäten ein Gefühl für das eigene Leistungsvermögen. Es lernt, sich durch seine Produktivität, durch das Lösen von Aufgaben und das Herstellen von Dingen, Anerkennung zu verschaffen. Seine Persönlichkeit kristallisiert sich um die Überzeugung "Ich bin, was ich lerne". Die Gefahr dieses Stadiums ist die Entwicklung eines Gefühls von Unzulänglichkeit, Minderwertigkeit oder auch der Überforderung durch die Eltern. Erikson nennt den Konflikt "Werksinn gegen Minderwertigkeitsgefühl". Tüchtigkeit entwickelt sich als Grundtugend

5.      Identität gegen Identitätskonfusion

Ich bin nicht, was ich sein sollte, ich bin nicht, was ich sein werde, aber ich bin nicht mehr, was ich war." (Erikson)
Die zentrale Entwicklungsaufgabe der Adoleszenz ist die Bildung der Ich – Identität. Dieser Prozess wird ausgelöst durch verschiedene Widersprüche (sexuelle Reifung im Kontrast zur empfundenen Minderwertigkeit; rapide körperliche Veränderungen und eine damit verbundene Neubewertung durch andere) und führen zu einer Identitäts­krise, die den Jugendlichen auf eine Suche nach sich Selbst schickt:

Der Jugendliche befindet sich somit in einer Krise, solange er/sie selbst noch keine verbindlichen Entscheidungen für seine/ihre beruflichen Pläne, Weltanschauungen, die Anforderungen an künftige Freunde etc. getroffen hat. Die Suche nach Identität findet zum einen in verschiedenen Bereichen der sozialen Umwelt statt bzw. wird durch experimentelles Rollenhandeln begleitet (im Bekannten- und Freundeskreis, in Clubs, religiösen Gemeinschaften, politischen Nachwuchsgruppen etc.), in denen es insbesondere um Anerkennung der eigenen Person bzw. des Selbst in der Öffentlichkeit geht. Andererseits findet Identitätssuche auch im Dialog mit sich selbst statt. Dabei findet eine Auseinandersetzung sowohl mit den eigenen körperlichen und sexuellen Veränderungen statt und damit gleichzeitig auch eine Neudefinition der sexuellen Identität.

Erikson wehrt sich in seinen Argumentationen gegen eine zu seiner Zeit weit verbreitete Auffassung, dass dieses Verhalten der Jugendlichen sinnlos und irrational sei. Freiräume, spielerisch zu experimentieren und seine Identität zu finden, werden als sehr wichtig für die spätere Selbständigkeit angesehen. Identitätskämpfe von Jugendlichen nehmen je nach vorheriger Entwicklung und sozialer Realität sehr unterschiedliche Formen an. Das normale Krisen  (z. B. Schule schwänzen als Rückzug von der täglichen Verpflichtung und Beschäftigung mit sich selbst; Diebstahl im Supermarkt als Mutprobe bei den Gleichaltrigen etc.) von der Erwachsenenwelt als störend gebrandmarkt werden und das genau dies die Jugendlichen in ihrer Protesthaltung bestärkt wurde von Erikson auch erkannt.

Entgegen einer verbreiteten Annahme geht es in der Adoleszenz nicht um eine Anpassung an die Gesellschaft und Vorgaben, sondern um den Prozess der Selbstwerdung, wer und wie man sein will, welche Rollen dazugehören.

6.      Intimität gegen Isolierung

Diese Phase steht im engen Zusammenhang mit der vorherigen – wenn es in der Adoleszenz darum ging, die eigene Identität zu definieren, dann geht es nun darum sie im Alltag zu erproben. Geklärte und gefestigte Identität erlaubt (und verlangt?) nach Intimitätsbeziehungen. Intimität bedeutet hierbei mehr als nur sexuelle Beziehungen, Intimität bedeutet vielmehr die Fähigkeit, wechselseitig verpflichtende Beziehungen herzustellen:

Hierbei wird genau das benötigt, was im frühesten Kindesalter ggf. erworben wurde: ein Grundvertrauen in die andere Person, die nun durch das erworbene Selbst-Vertrauen in der Adoleszenz gestützt wird, erscheinen als Bedingungen der Möglichkeit für „tiefen" persönlichen Austausch. Aber ebenso wie man sich im anderen finden kann, kann man sich auch in ihm/ihr verlieren.

Die Hemmungen und Ängste vor sozialen Konflikten, in denen ein „selbstbewusstes Auftreten" gefragt wäre und die bei längeren Intimbeziehungen eigentlich unvermeidlich sind, führen zu einer immer vorhandenen Spannung, einer „krampfhaften inneren Zurückhaltung" (Erikson) von Engagement und ein vorsichtige Vermeiden von Konflikten. Intimität wird dann zunehmend unmöglich: Das Gegenteil zu Intimität ist daher Isolation, die Angst, allein und unerkannt zu bleiben. Isolierung ist dann ein unvermeidlicher Rückzug in die eigene Welt, soziale Beziehungen werden zwar aufrechterhalten, sind aber oft oberflächlich und berechnet – man geht „auf Nummer sicher."

In den dramatischeren Fällen wird die Flucht vor dem eigenen Selbst (bzw. das, wofür sich die Person hält) entweder durch das Ausschalten des eigenen Bewusstseins (meistens durch Drogen) oder gar durch die Identifikation mit einer „negativen Identität" bewerkstelligt. Negative Identitäten sind sozial unerwünschte oder vom Individuum als „Abweichung von der Norm" bewertete Typen, die gewählt werden, um sich selbst zu bestrafen.

In allen Fällen wird die Identitätsdiffusion der vorherigen Phase zum dominanten Persönlichkeitsmerkmal, die sowohl in dieser Phase als auch in den Nächsten eine zyklische Wiederkehr finden.

7.      Generativität gegen Stagnation

Nach gelungener sozialen Einbindung und der Bestärkung des eigenen Ego verstärkt sich das Gefühl, geben zu müssen / geben zu wollen. Generativität bezeichnet hierbei das „Interesse an der Erzeugung und Erziehung der nächsten Generation, wenn es auch Menschen gibt, die wegen unglücklicher Umstände oder aufgrund besonderer Gaben diesen Trieb nicht auf ein Kind, sondern auf eine andere schöpferische Leistung richten, die ihren Teil elterlicher Verantwortung absorbieren." (Erikson) aber auch generell nach Fürsorge und Hilfsbereitschaft: „Das Vertrauen in die Zukunft, der Glaube an die Menschheit und die Fähigkeit, sich für andere Menschen einzusetzen, scheinen in dieser Phase Voraussetzungen der Persönlichkeitsentwicklung zu sein." (Miller)

Was tun die Menschen, die nicht in der Lage sind, sich um andere zu kümmern? Erikson meint, dass sie sich um sich selbst kümmern. Mangelnde Generativität führt zu Stagnation der Persönlichkeitsentwicklung und krankhafter Ichbezogenheit. Kinder werden dann eher als Last empfunden, die für einen Selbst keinen Gewinn abwerfen.

8.      Integrität gegen Verzweiflung und Ekel

Das Leben gewinnt hier seinen Wert zum einen aus dem Rückblick auf das eigene Leben und zum anderen aus der Fähigkeit, sinnstiftende und aktive Tätigkeiten trotz nachlassender körperlicher & geistiger Fähigkeiten auszuführen. Gelingt diese letzte Stufe, dann stellt sich das ein, was Erikson Integrität nennt.

Verzweiflung ist das Gegenteil von Integrität: Die Trauer um das, was man in seinem Leben getan hat oder versäumt hat, die Furcht vor dem nahen Tod und der Ekel vor sich Selbst gehören dabei zu den bekanntesten Symptomen. Wenn alte Menschen dieses negative Identitätsgefühl nicht überwinden, dann gibt es für Viele nach dem Tod des Partners oder besten Freundes keinen Grund mehr, selbst am Leben zu bleiben.

Quelle: www.ku-eichstaett.de/KTF/Relpaed/einf1.doc

Religion in Sek.I
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