[Existenz und Essenz]
[Die
Existentialisten] sind der Überzeugung, dass die Existenz der Essenz voraus
gehe, oder, wenn Sie wollen, dass man von der Ichheit ausgehen muss. Was soll
man genauer darunter verstehen? Betrachten
wir ein Artefakt, zum Beispiel ein Buch oder ein Papiermesser, so ist dieser Gegenstand
von einem Handwerker angefertigt worden, der sich von einem Begriff hat anregen
lassen; er hat sich auf den Begriff Papiermesser bezogen und zugleich auf eine
vorher bestehende Technik der Erzeugung, welche zu dem Begriff gehört und im
Grunde ein Rezept ist. Somit ist das Papiermesser zugleich ein Gegenstand, der
auf eine bestimmte Art hergestellt wird und andererseits eine bestimmte
Verwendung hat; und man kann sich nicht einen Menschen vorstellen, der ein Papiermesser
anfertigte, ohne zu wissen, wozu der Gegenstand dienen soll. Wir werden also
sagen, dass in bezug auf das Papiermesser die Essenz – das heißt die Summe
der Rezepte und der Eigenschaften, die erlauben, es anzufertigen – der
Existenz voraus geht. [Die
christliche Konzeption des Menschen]
Wenn
wir einen Schöpfer-Gott annehmen, so wird dieser Gott meistens einem höherstehenden
Handwerker angeglichen; und was für eine theologische Lehre wir auch
betrachten, [...] wir räumen immer ein, dass der Wille mehr oder weniger dem
Verstand folgt oder ihn wenigstens begleitet, und dass Gott, wenn er schafft,
genau weiß, was er schafft. Demnach
ist der Begriff Mensch im Geiste Gottes dem Begriff Papiermesser im Geiste des Handwerkers
anzugleichen, und Gott erzeugt den Menschen nach Techniken und einem Begriff,
genau wie der Handwerker ein Papiermesser nach einer Definition und einer
Technik anfertigt. So verwirklicht der individuelle Mensch einen bestimmten
Begriff, der im göttlichen Verstande ist. Im 18. Jahrhundert wird in den
atheistischen Lehren der Philosophen der Begriff Gottes abgeschafft, aber nicht
eben sosehr die Idee, dass die Essenz der Existenz voraus gehe. [Die
existentialistische Konzeption des Menschen]
Der
atheistische Existentialismus, für den ich stehe, [...] erklärt, dass, wenn
Gott nicht existiert, es mindestens ein Wesen gibt, bei dem die Existenz der
Essenz vorausgeht, ein Wesen, das existiert, bevor es durch irgendeinen Begriff
definiert werden kann, und dass dieses Wesen der Mensch [...] ist. Was bedeutet
hier, dass die Existenz der Essenz vorausgeht? Es bedeutet, dass der Mensch
zuerst existiert, sich begegnet, in der Welt auftaucht und sich danach
definiert. Wenn
der Mensch, so wie ihn der Existentialist begreift, nicht definierbar ist, so
darum, weil er anfangs überhaupt nichts ist. Er wird erst in der weiteren Folge
sein, und er wird so sein, wie er sich geschaffen haben wird. Also gibt es keine
menschliche Natur, da es keinen Gott gibt, um sie zu entwerfen. Der Mensch ist
lediglich so, wie er sich konzipiert – ja nicht allein so, sondern wie er sich
will und wie er sich nach der Existenz konzipiert, wie er sich will nach diesem
Sich-schwingen auf die Existenz hin; der
Mensch ist nichts anderes als wozu er sich macht. Das ist der erste Grundsatz des Existentialismus. Das
ist es auch, was man die Subjektivität nennt und was man uns unter eben diesem
Namen zum Vorwurf macht. Aber was wollen wir
denn damit anderes sagen, als dass der Mensch eine größere Würde hat
als der Stein oder der Tisch? Denn wir wollen sagen, dass der Mensch zuerst
existiert, das heißt, dass er zuerst ist, was sich in eine Zukunft hinwirft und
was sich bewusst ist, sich in der Zukunft zu planen. Der
Mensch ist Freiheit
Wenn wiederum Gott
nicht existiert, so finden wir uns keinen Werten, keinen Geboten gegenüber, die
unser Betragen rechtfertigen. So haben wir weder hinter uns noch vor uns, im
Lichtreich der Werte Rechtfertigungen oder Entschuldigungen. Wir sind allein,
ohne Entschuldigungen. Das ist es, was ich durch die Worte ausdrücken will: Der
Mensch ist verurteilt, frei zu sein. Verurteilt, weil er sich nicht selbst
erschaffen hat, anderweit aber dennoch frei, da er, einmal in die Welt geworfen,
für alles verantwortlich ist, was er tut.
(aus: Jean-Paul Sartre: „Ist der Existentialismus ein Humanismus?“, Europa-Verlag Zürich) |
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Last Update: 03.09.03
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