Zweifel und Glaube - die Situation des Menschen vor der Gottesfrage
Wer heute über die Sache des christlichen Glaubens vor Menschen zu reden
versucht, die nicht durch Beruf oder Konvention im Innern des kirchlichen Redens
und Denkens angesiedelt sind, wird sehr bald das Fremde und Befremdliche eines
solchen Unterfangens verspüren. Er wird wahrscheinlich bald das Gefühl haben,
seine Situation sei nur allzu treffend beschrieben in der bekannten Gleichniserzählung
Kierkegaards über den Clown und das brennende Dorf, die Harvey Cox kürzlich in
seinem Buch "Stadt ohne Gott?" wieder aufgegriffen hat. Diese
Geschichte sagt, dass ein Reisezirkus in Dänemark in Brand geraten war. Der
Direktor schickte daraufhin den Clown, der schon zur Vorstellung gerüstet war,
in das benachbarte Dorf, um Hilfe zu holen, zumal die Gefahr bestand, dass über
die abgeernteten, ausgetrockneten Felder das Feuer auch auf das Dorf übergreifen
würde. Der Clown eilte in das Dorf und bat die Bewohner, sie möchten eiligst
zu dem brennenden Zirkus kommen und löschen helfen. Aber die Dörfler hielten
das Geschrei des Clowns lediglich für einen ausgezeichneten Werbetrick, um sie
möglichst zahlreich in die Vorstellung zu locken; sie applaudierten und lachten
bis zu Tränen. Dem Clown war mehr zum Weinen als zum Lachen zumute; er
versuchte vergebens, die Menschen zu beschwören, ihnen klarzumachen, dies sei
keine Verstellung, kein Trick, es sei bitterer Ernst, es brenne wirklich. Sein
Flehen steigerte nur das Gelächter, man fand, er spiele seine Rolle
ausgezeichnet - bis schließlich in der Tat das Feuer auf das Dorf übergegriffen
hatte und jede Hilfe zu spät kam, so dass Dorf und Zirkus gleichermaßen
verbrannten.
(Ratzinger: Einführung ins Christentum, München , S. 17,) | |











[ Rudolf-web.de
]
[ Gästebuch
]
[ What's
new? ]
j.rudolf@web.de
Besucher seit 04.04.02:

|