Mythos - Logos
 
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Zwei Zugänge zur Wirklichkeit

Aufgaben
  1. Beschreibe eine Rose!
  2. Lies den untenstehenden Text und arbeite die Bedeutung der Begriffe Mythos und Logos heraus.
  3. Ordne folgende Aussagen als Mythos bzw. als Logos ein: "Der Zug fährt um 12.34 Uhr ab" / "Wo die Güte und die Liebe wohnt, da ist Gott" / "Man sieht nur mit dem Herzen gut" / "Alle Massen werden von der Erde angezogen" / "Für den Kuchen benötigst du 500 g Mehl" / "Es war einmal ein Königspaar ..." / "Wer uns wählt, wählt eine glückliche Zukunft" / "Der Mond ist aufgegangen" / "Gott hat die Welt in 7 Tagen geschaffen" / "In Ortschaften sind nur 50 km/h erlaubt" / "Die Liebe ist stärker als der Tod" / "Jesus ist am Kreuz gestorben" / "Der Urlaub war traumhaft"
  4. Beschreibe einen Menschen, bei dem der Logos-Anteil dominiert, und einen zweiten, der im reinen Mythos lebt.
  5. Überprüfe bei dir, welchen Stellenwert diese beiden Zugänge zur Wirklichkeit für dich haben.

Mythos und Logos

Welches Wort heißt Mythos? Der Philosoph Protagoras sollte seinen Schülern einmal etwas erklären. "Wollt ihr es lieber als Mythos hören oder als Logos?" fragte er sie. Zu jener Zeit war das logische Denken modern geworden, darum neigten die Schüler dem Logos zu. Protagoras aber riet ihnen zum Mythos: "Der ist angenehmer zu hören!" sagte er.

Mythos heißt eine erzählende Rede. Logos ist demgegenüber eine begriffliche, erklärende, lehrhafte Rede. In den ältesten Zeiten hatte die mythische Rede den Vorrang: die Menschen deuteten die Welt und ihr eigenes Leben in symbolischen Bildern und Geschichten. Darin gab es keine Definitionen, keine Formeln und Lehrsätze. Dafür sprachen diese Geschichten die Seele an; ihre Bilder verschmolzen mit den Träumen der Menschen. Symbole, die noch keine "Erklärungen" suchten, gaben den Wünschen, Freuden und Ängsten der Menschen Ausdruck. Alles, was zwischen Geburt und Tod und über den Tod hinaus wichtig war, wurde in symbolischen Erzählungen dargestellt und verarbeitet. Aber die Menschen wussten nicht, dass es "symbolische" Geschichten waren. Sie konnten Wort und Bedeutung noch nicht unterscheiden.

Bei Homer, einem frühen griechischen Dichter, ist der Mythos wichtiger als der Logos. Er schätzt die Erzählung, das Lied, ein Gedicht, die Kunst höher als Lehrsatz und Regel. Im Symbol erkannte er tiefere Wahrheiten als in einer "wissenschaftlichen" Formel.

Das änderte sich, als ein untersuchendes, erklärendes Denken stärker wurde. Man sagt, die Geschichte der Philosophie beginne mit Thales, dessen Satz euch aus dem Mathematikbuch bekannt ist. Dieser Thales lebte im 6. Jahrhundert v. Chr. Ihm werden zwei berühmte Äußerungen zugeschrieben: Zum ersten habe er gelehrt, das Wasser sei der Ursprung von allem; zum anderen habe er gesagt: "Alles ist voll von Göttern". Wenn man den ersten Satz "naturwissenschaftlich" versteht, ist er "logische" Rede. Dagegen muss der zweite Satz als mythische Rede gelten. Warum?

Die Aussage: "Alles ist voll von Göttern" sieht die Welt als eine Stätte der Anwesenheit von Göttern. Das ist symbolische Rede und meint, alle Wirklichkeit sei von göttlichen Kräften gestaltet und durchwaltet. Demnach sind die Dinge für Thales nicht nur "Dinge"; sie besitzen eine Tiefe, die niemand einholen kann, weil sie im Göttlichen gründet.

Dagegen scheint sein Satz vom Wasser als dem Ursprung der Dinge ohne doppelten Boden zu sein. Aristoteles, ein anderer griechischer Philosoph, meinte jedoch, Thales denke hier wohl an Okeanos, jenen Urstrom, der nach alter Sage die Erde umfließt und der als Vater alles Gewordenen galt. Dann aber hatte Thales, wenn er von Wasser sprach, nicht das chemische Element H2O vor Augen, sondern den göttlichen Schoß der Welt. Dazu passt bruchlos der zweite Satz des Thales, wonach alles voll von Göttern ist.

Auf welcher Sprachebene, so betrachtet, liegen dann beide Äußerungen des Thales?

Logos heißt das Wort als beweisbare Rede, ist das Erforschte und Berechnete, das begriffliche, argumentierende, wissenschaftliche Wort. Im Mathematik- oder Physikbuch findet ihr das Wort als Logos. Es ist klar, präzise, überprüfbar.

Mythos heißt das symbolische, deutende, sinnstiftende Wort. Die Sprache des Mythos will nicht beweisen. Sie kann sagen: "Ich liebe dich!" Wenn aber die Antwort lautet: "Ich glaube es dir nicht, gib mir Beweise!", wird eine Ebene gewählt, die nicht mehr dem Mythos zugehört. In Gedichten, Liedern, Gebeten ... findet ihr das Wort als Mythos. Es will anders gelesen und bedacht werden als die begriffliche Sprache des Logos.

Im Logos sind die Wissenschaften zu Hause, im Mythos die Künste, die Dichtung, die Musik, die Religion. Der Logos führt zur Erkenntnis, er macht wissend, der Mythos zielt auf umfassenden Sinn und macht weise. Mythos und Logos sind einander nicht feind. Es gibt keinen Mythos ohne Logos-Anteil und Logos nicht ohne Beteiligung des Mythos: Auch exakte Wissenschaften können die Sinnfrage nicht ausblenden, so wenig Religion heute ohne rationale Kritik auskommt. Es wäre deshalb dumm, wollte man Mythos und Logos gegeneinander richten. Beide erschließen erst im Zusammenspiel die ganze Wirklichkeit.

Aus dem sehr empfehlenswerten Religionsbuch von Hubert Halbfas: Religionsbuch für das siebte und achte Schuljahr. Patmos. S. 154f
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