Text von Feuerbach
 
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Gott als Projektion des menschlichen Wesens

"Der Zweck meiner Schriften ist: die Menschen aus Theologen zu Anthropologen, aus Kandidaten des Jenseits zu Studenten des Diesseits, aus religiösen und politischen Kammerdienern der himmlischen und irdischen Monarchen und Aristokraten zu freien, selbstbewussten Bürgern der Erde zu machen. Mein Zweck ist daher nichts weniger als ein negativer, verneinender, sondern ein positiver; ja, ich verneine nur, um zu bejahen; ich verneine nur das phantastische Scheinwesen der Theologie und Religion, um das wirkliche Wesen des Menschen zu bejahen."

"Indem ich die Theologie zur Anthropologie erniedrige, erhebe ich vielmehr die Anthropologie zur Theologie, gleichwie das Christentum, indem es Gott zum Menschen erniedrigte, den Menschen zu Gott machte...

Wir haben bewiesen, dass der Inhalt und Gegenstand der Religion ein durchaus menschlicher ist, bewiesen, dass das Geheimnis der Theologie die Anthropologie, des göttlichen Wesens das menschliche Wesen ist. Aber die Religion hat nicht das Bewusstsein von der Menschlichkeit ihres Inhalts; sie setzt sich vielmehr dem Menschen entgegen. Der notwendige Wendepunkt der Geschichte ist daher dieses offene Bekenntnis und Eingeständnis, . . . dass der Mensch kein anderes Wesen als absolutes; als göttliches Wesen denken, ahnen, vorstellen, fühlen, glauben, wollen, lieben und verehren kann als das menschliche Wesen . . . Was der Religion das erste ist, Gott, das ist . . . an sich der Wahrheit nach das zweite; denn er ist nur das sich gegenständlich gewordene Wesen des Menschen; und was ihr das zweite ist, der Mensch, das muss daher als das erste gesetzt und ausgesprochen werden . . . Der Mensch ist dem Menschen sein Gott - dies ist der oberste praktische Grundsatz, dies der Wendepunkt der Weltgeschichte . . .

,Nur Gott allein ist zu lieben', sagt der heilige Augustin, ,diese ganze Welt aber, d. h. alles Sinnliche ist zu verachten.' - ,Gott', sagt Luther, ,will entweder allein oder kein Freund sein.' - ,Gott allein', sagt er, gebührt Glaube, Hoffnung, Liebe, daher sie auch die theologischen Tugenden heißen.' Der Theismus ist daher ,negativ und destruktiv', nur auf die Nichtigkeit der Welt und des Menschen . . . baut er seinen Glauben. Nun ist aber Gott nichts anderes als das abgezogene, phantastische, durch die Einbildungskraft verselbständigte Wesen des Menschen und der Natur; der Theismus opfert daher das wirkliche Leben und Wesen der Dinge und Menschen einem bloßen Gedanken- und Phantasiewesen auf."

(Ludwig Feuerbach)

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