Camus - Text
 
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Auszug aus ‚Die Pest‘ von Albert Camus ( S. 244 –247)

„Das Kind hatte noch immer die Augen geschlossen und schien sich etwas zu beruhigen. Die Hände, die wie Krallen geworden waren, bearbeiteten leicht die Seiten des Bettes. Sie wanderten nach oben, kratzten in Kniehöhe die Decke, und plötzlich beugte das Kind die Knie, zog die Schenkel zum Bauch und bewegte sich nicht mehr. Dann schlug es zum erstenmal die Augen auf und sah Rieux an, der vor ihm stand. In seinem jetzt zu grauem Ton erstarrten Gesicht öffnete sich der Mund, und fast sofort kam ein einziger, von der Atmung kaum veränderter, anhaltender Schrei heraus, der plötzlich den Raum mit einem monotonen, misstönenden Protest erfüllte, sowenig menschlich, dass er von allen Menschen zugleich zu kommen schien. Rieux biss die Zähne zusammen, und Tarrou wandte sich ab. Rambert trat ans Bett neben Castel, der das offen auf seinem Schoß liegende Buch zuklappte. Paneloux sah diesen von der Krankheit besudelten, vom Schrei aller Zeiten erfüllten Kindermund an. Und er sank auf die Knie, und alle fanden es normal, ihn mit etwas gedämpfter Stimme sagen zu hören: „Mein Gott rette dieses Kind.“

Aber das Kind schrie weiter, und die Kranken ringsum wurden unruhig. Der eine, dessen Schreie am anderen Ende des Raumes nicht aufgehört hatten beschleunigte den Rhythmus seines Jammerns, bis auch dieses ein richtiger Schrei wurde, während die anderen lauter und lauter stöhnten. Eine Flut von Schluchzen brandete durch den Raum und übertönte Paneloux‘ Gebet, und Rieux, der das Bettgestell umklammerte, schloss, trunken vor Müdigkeit und Ekel die Augen.

Als er sie wieder aufmachte, sah er Tarrou neben sich stehen.

„Ich muss gehen“ sagte Rieux. „Ich kann sie nicht mehr ertragen.“

Aber plötzlich verstummten die anderen Kranken. Da merkte der Arzt, dass der Schrei des Kindes leiser geworden war, noch leiser wurde und dann aufhörte. Ringsum fing das Jammern wider an, aber gedämpft, wie ein fernes Echo des gerade zu Ende gegangenen Kampfes. Denn er wer zu Ende. Castel war an die andere Seite des Bettes getreten und sagte, es sei zu Ende. Mit offenem Mund, aber stumm, lag das Kind tief in den zerwühlten Decken; es war auf einmal kleiner geworden, und auf seinem Gesicht waren noch Spuren von Tränen.

Paneloux trat ans Bett und machte die Gesten des Segnens. Dann raffte er seine Soutane zusammen und ging durch den Mittelgang hinaus.

„Muss alles von vorn angefangen werden?“ fragte Tarrou Castel.

Der Arzt schüttelte den Kopf.

„Vielleicht“, sagte er mit einem verkrampften Lächeln. Schließlich hat er lange durchgehalten.“

Aber Rieux verließ schon mit stürmischen Schritten und einem solchen Ausdruck den Raum, dass Paneloux, als er vom ihm überholt wurde, den Arm ausstreckte, um den Arzt aufzuhalten.

„Na, Herr Doktor“, sagte er.

Mit demselben Ungestüm drehte Rieux sich um und schleuderte ihm entgegen: „Ah, der hier zumindest war unschuldig, das wissen Sie genau!“

Dann wandte er sich ab, trat vor Paneloux durch die Tür und ging hinten auf den Schulhof. Er setzte sich zwischen den staubigen kleinen Bäumen auf eine Bank und wischte sich den Schweiß ab, der ihm schon in die Augen rann. Er hätte am liebsten weitergeschrieen, um endlich den gewaltigen Knoten zu lösen, der ihm das Herz zerdrückte. Die Hitze fiel langsam durch die Äste der Feigenbäume. Der blaue Morgenhimmel überzog sich schnell mit einer weißlichen Schicht, die die Luft stickiger machte. Rieux ließ sich auf seiner Bank zusammensinken. Er betrachtete die Äste, den Himmel, kam langsam wieder zu Atem und überwand allmählich seine Müdigkeit.

„Warum haben Sie so zornig mit mir gesprochen?“ sagte eine Stimme hinter ihm. „Auch für mich war dieser Augenblick unerträglich.“

Rieux drehte sich zu Paneloux um: „Das ist wahr“, sagte er. „Verzeihen Sie mir. Aber die Müdigkeit macht einen wahnsinnig. Und es gibt Stunden in dieser Stadt, in denen ich nur noch meine Empörung fühle.“

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